Das Glück der Vergangenheit

Ich schreibe ja gerade an meinem Roman Seelenkrieg und da es sich um die Geschichte meiner Mutter handelt, möchte ich natürlich alles so genau wie möglich recherchieren.

Vieles weiß ich schon aus ihren Tagebüchern. Aber einige wichtige Details fehlen mir noch, um die Geschichte wirklich authentisch zu schreiben.

So habe ich heute also eine Art Interview mit meiner Mutter geführt. Sie sollte mir genau beschreiben, wie die Schauplätze ihrer Jugend aussahen und was zu welcher Zeit an welchem Ort passiert ist.

Erst habe ich mir ein bisschen Sorgen gemacht, dass diese ganzen Fragen sie zu sehr aufwühlen könnten. Immerhin spielt ein wesentlicher Teil der Geschichte in ihrer Jugend, also in Zeiten unmittelbar vor und während des 2. Weltkriegs.

Ich möchte mich erst einmal auf ihre frühe Kindheit fokussieren. Also, alles vor und während der Schulzeit.

Meine Mutter war ganz aufgeregt, dass ich soviel Rummel um ihre Person mache und hatte sogar ihre alte Fotokiste rausgeholt. Darin fanden wir wahre Schätze. Bilder ihrer Mutter, ihres verschollenen Vaters und ihres Bruders. Mit jedem Foto wurde sie gesprächiger und ihr fielen so wunderbare Geschichten ein, die sie bereitwillig und voller Euphorie erzählte.

Ganze zwei Stunden saßen wir gemütlich mit unserem Kaffee auf ihrem Sofa und sie erzählte und erzählte. Ich schrieb fleißig mit und stellte hin und wieder eine Frage, ansonsten ließ ich sie einfach reden. Nach wenigen Augenblicken fühlte ich mich förmlich in die Zeit um 1934 zurückversetzt und befand mich mitten im Geschehen.

Selten habe ich sie in den letzten Jahren so aus sich herauskommen sehen. Sie blühte förmlich auf und ihre Wangen wurden ganz rot vor Aufregung. Immer mehr kleine Anekdoten fielen ihr ein und wir lachten gemeinsam lauthals über die eine oder andere Geschichte.

Zum Schluss nahm sie mich fest in den Arm und meinte, sie sei so glücklich, alles noch einmal in Gedanken erlebt zu haben. Es käme ihr fast vor, als sei ihre Jugend zurückgekehrt. Ja, sie fühle sich so unbeschwert, wie schon lange nicht mehr.

Der Nachmittag war ein voller Erfolg! Ich habe ganz viele Anregungen für mein Buch und Mutti ist glücklich. Mehr geht nicht, oder?

7 comments / Add your comment below

  1. Meine Mutter ist Jahrgang 1935. Seitdem mein Vater vor einem Jahr verstorben ist, erzählt sie mir viel mehr von ihrer Jugend. Das sind für mich immer Sternstunden und ich verstehe vieles besser.
    LG sk

    1. Ja, genau so geht es mir auch. Mein Vater ist vor neun Jahren gestorben. Nicht nur, dass wir seit dem enger zusammengerückt sind, auch durch ihre Erzählungen verstehe ich jetzt viele Dinge ganz anders als früher.

      Jetzt durch das Buch ist alles nochmal intensiver geworden. Auch bin ich wirklich erschüttert, was meine Mutter alles durchmachen musste in ihrer Jugend. Ich ahnte schon, dass es eine schlimme Zeit war. Doch, das, was ich jetzt in ihren Tagebüchern gelesen habe, verursacht mir so manche Gänsehaut.

      1. Das kann ich mir gut vorstellen, liebe Heike. So geht es mir auch. Toll, dass du dieses Buch schreibst! Ein Patient von mir, 92, hat seine Lebensgeschichte auf Drängen seiner Kinder und Enkel aufgeschrieben. Das wird gerade gedrückt. Ich freue mich sehr auf ein Exemplar.
        Bald sind wir die Alten und die Zeitzeugen 😉

  2. …. ich denke dass vielleicht so Einiges bei deiner Mutter (und auch bei dir) noch einmal, vielleicht sogar intensiv
    an die Oberfläche be”fördert” wird dadurch … das kann oder wird kurzzeitig schmerzvoll sein,
    aber … es fördert Heilung – heil werden – heil sein …
    Segen und alles was ihr braucht ….
    M.M.

    1. Meinst Du den Mut, über das Leben Deiner Mutter zu schreiben?

      Ich habe auch sehr lange überlegt, ob ich das machen möchte und kann. Im Moment empfinde ich es noch als eher spannend. Ich bin aber auch erst bei ihren Schuljahren. Mir “graut” ein bisschen vor den Zeilen aus meiner Jugend. Da werde ich dann mal so richtig mit ihren Gefühlen konfrontiert….

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