Eine Kurz(e)-Geschichte

die Sekretärin

Die Sekretärin

Frederike sitzt an ihrem Schreibtisch und schaut aus dem Fenster ihres Büros im zweiten Stock eines modernen Bürogebäudes. Lachen dringt durch das geöffnete Fenster zu ihr hinauf. Eine Schulklasse macht einen Kanuausflug auf dem angrenzenden Kanal. Am Anleger gegenüber sitzen Studenten der nahegelegenen Kunsthochschule und genießen die warmen Sonnenstrahlen. Ein wenig Neid auf die Menschen dort draußen, die entspannt ihren Tag genießen, kommt in ihr auf. Vor ihr liegt eine weitere Woche mit ihrem tyrannischen Chef.

Seit zwanzig Jahren ist sie mit Leib und Seele Vorstandssekretärin, sie liebt die tägliche Herausforderung, alles am Laufen zu halten und scheinbar Unmögliches möglich zu machen. Einige Vorstände hat sie in ihrem Berufsleben gemanagt. Doch ihr jetziger Chef raubt ihr den letzten Nerv und lässt sie seit geraumer Zeit an ihrem Beruf zweifeln.

Sie wendet den Blick vom Fenster ab, steht auf und geht den Flur entlang in Richtung Waschraum. Am Waschbecken verharrt sie einen Moment und schaut in den Spiegel. Die Frau, die ihr entgegenblickt, entspricht dem allgemeinen Bild einer Sekretärin. Ihr dunkelgraues Kostüm sitzt perfekt, Bluse und Pumps sind farblich darauf abgestimmt. Dezenter Schmuck rundet das Bild ab. Die Kurzhaarfrisur, die sie seit einigen Wochen trägt, lässt ihr Gesicht jünger wirken. Der neue Farbton, ein dunkles Schokoladenbraun, betont ihre Augen. Bis auf ein paar Fältchen um die Augen sieht man ihr die 49 Jahre nicht an.

Sie lächelt ihrem Spiegelbild noch einmal zu, atmet tief durch und geht entschlossen zurück in ihr Büro. Ein Blick auf die Uhr sagt ihr, es ist Zeit für die Wochenbesprechung. Sie greift nach der To-Do-Mappe auf ihrem Schreibtisch und klopft an die Tür ihres Chefs. Ein mürrisches „Ja“ fordert sie zum Eintreten auf. Er blickt nicht einmal hoch, als sie den Raum betritt, sondern fordert sie nur mit einer Handbewegung zum Hinsetzen auf. Dann lässt er seinem Unmut über die Firma, die Angestellten und im Besonderen ihre Inkompetenz freien Lauf. Ruhig hört sie ihm zu und blickt dabei auf die hinter ihm stehende lebensgroße Bronzestatue eines kleinen Mädchens, das verträumt lächelnd auf einen Vogel in ihrer Hand schaut. Der Künstler hat sich viel Mühe bei der Ausarbeitung der Details gegeben und so scheint es, als würde das auf der polierten Bronzeoberfläche reflektierende Sonnenlicht das Gesicht der Statue zum Leben erwecken. Sie beneidet das Mädchen, erträgt es doch jeden Tag stumm seine Gefühlsausbrüche und lächelt dabei nur still ihren kleinen Vogelfreund an.

Ihre Gedanken schweifen ab. Sie spürt Wärme auf ihrer Haut, ein leichter Wind streicht durch ihr Haar. Vor sich sieht sie Sonnenstrahlen auf tiefblauem Wasser glitzern. Die das Ufer säumenden Bäume spiegeln sich auf der Oberfläche des Flusses wider. Wenn ihr Kanu hindurchgleitet, verwischen die Schattenbilder, um sich gleich darauf neu zu bilden. Sie ist allein, wunderbare Stille umgibt sie. Nur das Eintauchen des Paddels erzeugt ein leises Plätschern. Fast lautlos paddelt sie auf die Flussgabelung zu ….

Gerade noch rechtzeitig bemerkt sie, dass ihr Chef seinen Redefluss unterbrochen hat und sie nun erwartungsvoll anschaut. Langsam öffnet sie die vor ihr liegende Mappe, zieht einige Unterlagen heraus und reicht sie ihm mit den Worten: „Schauen Sie einmal, ob Ihnen das so gefällt.“ Er schaut auf das Papier und danach ungläubig zu ihr. „Was soll das sein?“ Lächelnd entgegnet sie: „Eine Stellenanzeige. Ich dachte, sie möchten so schnell wie möglich eine neue Sekretärin haben, wenn ich weg bin. Da sie offensichtlich unzufrieden mit meiner Arbeit sind, habe ich mir überlegt, sie zu entlasten und die Firma zu verlassen.“ Seine Sprachlosigkeit ausnutzend fügt sie hinzu: „Da ich davon ausgehe, dass einige Dinge, Ihre Person betreffend, nicht dem Aufsichtsrat zugetragen werden sollen, habe ich zudem einen Aufhebungsvertrag vorbereitet. Gerne können Sie noch Änderungen vornehmen, die Summe der Abfindung ist jedoch nicht verhandelbar. Ich denke, wir sollten uns morgen noch einmal zusammensetzen, um die Einzelheiten zu besprechen. Selbstverständlich stehe ich bis zu meinem Ausscheiden für die Einarbeitung der neuen Kollegin zur Verfügung.“

„Von meiner Seite wäre das dann alles für den Moment. Wenn Sie mich brauchen, ich bin in meinem Büro.“ Frederike steht auf und verlässt mit einem Lächeln das Büro.

Zurück an ihrem Schreibtisch, entsperrt sie den Bildschirm und klickt auf „Buchung bestätigen“. In wenigen Wochen wird sie nach Finnland fliegen und mit ihrer dort lebenden Freundin Kanutouren für Touristen organisieren.

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